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O Sensei bei der Ausführung von Kokyu-Nage

Es gibt oft Diskussionen darüber wie man als Aikidoka mit der Angriffsgeschwindigkeit eines Kickboxers oder Karatekas, etc. umgehen sollte bzw. ob man sich gegen diese effektiv verteidigen könnte?

Ich denke, dass der beste Ansatzpunkt darin liegt, zu definieren, was einen Kampfkünstler eigentlich ausmacht? Es gibt grundsätzlich drei Arten einen Angriff abzuwehren. Alle drei sind effektiv, wenn man sie so einsetzt, wie sie ursprünglich gedacht waren. Es gibt Künste - wie Karate, Boxen, Taekwondo und andere schlagende Künste - in denen Kraft gegen Kraft eingesetzt wird. Dann gibt es ringende Künste wie Judo, Wrestling, klassischen Ringkampf usw.. Schließlich gibt es die Künste des „Ausweichens“, wie Aikido und einige Formen des Jujitsu, etc.. Der Erfahrung nach schließen sich diese drei Herangehensweisen gegenseitig aus. Zum Beispiel ist es schwer am Boden zu kämpfen und gleichzeitig zu schlagen. Es ist schwer der Kraft des Gegners auszuweichen, wenn man am Boden liegt und es ist schwer zu schlagen, wenn man der Kraft des Gegners dabei ausweicht.Wenn man diese drei Kategorien aufstellt, dann ist für mich derjenige ein Kampfkünstler, der nur eine dieser Kategorien studiert. Wenn eine Kunst auf diese Art - nämlich ausschließlich - studiert wird, lernt das Unterbewusstsein sehr schnell, wie man auf fast jeden nur erdenklichen Angriff reagieren muss.

Wenn wir die Künste jedoch gemischt trainieren passieren seltsame Dinge. Wenn zum Beispiel das Unterbewusstsein darauf konditioniert wurde mit der linken Hand zu blocken und mit der rechten Hand zu schlagen, wenn man mit einem rechtshändigen Schlag angegriffen wird, so wird die Reaktion fast verzögerungsfrei sein. Wenn wir uns aber ebenfalls damit beschäftigt haben, dem Schlag auszuweichen, so wird unser Unterbewusstsein verwirrt. Es gibt diese Entscheidung zurück an die Ebene des Bewußtseins. Der Unterschied besteht nun darin, dass das Unterbewusstsein eine Entscheidung in einem fünfundzwanzigstel einer Sekunde macht, wohingegen der bewusste Geist dafür eine dreiviertel Sekunde benötigt. Also ist das Unterbewusstsein ungefähr 18 mal schneller.

Jeder Kampfkünstler, der seine Kunst wirklich verinnerlicht hat wird nicht den Fehler machen in die Spielweise des anderen zu verfallen. Wenn wir zum Beispiel damit anfangen mit einem Schlag so umzugehen, wie das jemand aus einer schlagenden Kunst tun würde, dann sind wir verloren. Wenn wir jedoch mit einem Schlag so umgehen, dass es für unseren Angreifer unangenehm wird... Ich denke, die beste Art mit einem Angriff umzugehen, ist nicht dort zu sein, wo der Angreifer es von demjenigen, mit dem er für gewöhnlich trainiert, erwarten würde. Der Angreifer wird dadurch wohl dazu gezwungen, mit einer Situation umzugehen, in die er nur selten gerät und muss seine Strategie entsprechend ändern. Auf jeden Fall bleibt derjenige, der Bewegung als Teil seiner Verteidigung verwendet hat, unverletzt und hat normalerweise viel Zeit, sich auf eine neue Bewegung vorzubereiten.

Es ist allgemein bekannt, dass jeder, der einen Karateka, einen Boxer, einen Taekwondoka oder einen Ausübenden einer anderen schlagenden Kampfkunst angreift ein großes Risiko auf sich nimmt und durchaus geschlagen werden kann. Während wir die Schwächen und die Stärken einer jeden schlagenden Kampfkunst betrachten, finden wir jedoch viele Lücken in deren Schutzmechanismen. Wenn wir unsere Kunst also innerhalb dieser Lücken einsetzen, werden wir feststellen, dass wir die Situation mit überraschender Leichtigkeit beherrschen können.

Was sind also die Schwächen der schlagenden Kampfkünste, und wie nutzen wir diese Schwächen zu unserem Vorteil?

Schlagkünstler trainieren unter bestimmten Regeln. Wo unsere Art zu trainieren das Unterbewusstsein darauf konditioniert, wie man in einem 'echten' Kampf zu reagieren hat, programmieren diese Regeln den Kämpfer so zu kämpfen, dass viele Schwächen eingeübt werden, die ausgenutzt werden können. Zuerst, lass dich nicht dazu bringen selbst anzugreifen - lass ihn vielmehr dir nachsetzen! Die Regeln der schlagenden Künste erfordern es, dass der Gegner kämpfen muss. Diese Regel ist notwendig - andernfalls gäbe es keinen Kampf. Denn jemand, der sich strategisch zurückzieht, ist schwer oder gar nicht zu treffen - jedenfalls nicht ohne einen immens hohen Aufwand der schlagenden Seite. Daher ist ein Schiedsrichter unabdingbar. Ansonsten gäbe es überhaupt keinen Kampf. Wir müssen auf diesen immensen Aufwand achten und zuschlagen, wenn er bemerkbar wird.

Zweitens, fasse seine Hände! In schlagenden Künsten ist es nicht erlaubt die Hände des Gegners zu fassen oder irgendeinen Teil des Körpers festzuhalten. Denn sobald die Hände oder ein Teil des Körpers festgehalten werden, hört das Boxen auf, und das Ringen beginnt. Grundsätzlich ringen Schlagkünstler nicht im Training. Auch wird ein Schiedsrichter benötigt, damit Kämpfer nicht in einer Umklammerung verharren. Jeder gute Schlagkünstler kann berichten, dass es praktisch unmöglich ist, einen würdigen Gegner daran zu hindern, mit dem anderen Kämpfer in eine Umklammerung zu gehen.

Drittens, ziehe dich immer zurück in sichere Bereiche! In den sechziger Jahren haben wir gelernt, dass Schlagkünstler sich gegen Boxer nicht behaupten können. Also wurden die Regeln dahingehend geändert, dass ein Kämpfer eine bestimmte Anzahl von Tritten pro Runde machen muss. Diese Regel wurde benötigt, um den Sport und sein Image am Leben zu halten.

Viertens, bring ihn dazu, sich zu bewegen! Wenn man einem Schlagkünstler dabei zuschaut, wie er durch eine Kata huscht, kann diese Geschwindigkeit beeindrucken. Wenn man jedoch einem Wettkampf zusieht, kann man nur schlecht herausfinden, aus welchem schlagenden Kampfstil der Kämpfer kommt, weil - rate mal - keine tiefe Stellung, usw.. Das Ganze sieht wie normales Kickboxen aus. Warum? Weil alle schlagenden Künste, die im Ring effektiv sind anhand der selben zugrundeliegenden Prinzipien und Regeln funktionieren müssen. Und diese bleiben grundsätzlich gleich, egal, wie man sie nennt. Blitzschnelle Schläge und Tritte sind aus dem Stand gut machbar, aber die Schlaggeschwindigkeit sinkt drastisch, sobald sich der Kämpfer bewegen muss, um ein sich bewegendes Ziel zu treffen. Sehr schwer und sehr, sehr riskant.

Fünftens, ringe niemals mit einem Ringer! Es gibt eine wirklich lange Liste von Schlagkünstlern, die nicht mit einem Ringer zusammenkommen möchten.

Sechstens, stoße mit dem Handballen ins Gesicht ! Wir wissen alle, dass man Dinge normalerweise nicht mit den Handknöcheln stößt. Schlagkünstler jedoch dürfen nicht mit dem Handballen schlagen. Das kommt daher, weil Boxer aufhören würden mit der Faust zu boxen, wenn sie es mit dem Handballen tun dürften. Der Mensch erzeugt einfach mehr Kraft, wenn er mit dem Handballen schlägt - und zwar in jedem Abstand - als wenn er mit der geschlossenen Faust und den Knöcheln schlüge. Ansonsten würden Kugelstoßer lernen, wie man die Kugel mit den Handknöcheln schleudert.

Siebtens, verinnerliche die Distanz, bei der du dich bewegen musst, um einem Schlag zu entgehen! Der Schlag oder Tritt einer schlagenden Kampfkunst ist ein sehr empfindliches Gerät, das normalerweise nur eine sehr kurze effektive Distanz - mit durchschlagender Wirkung - hat. Dies ist natürlich die Besonderheit der schlagenden Kampfkünste. Die notwendige Verwendung der Fäuste schränkt die wirksame Reichweite eines Schlags oder Tritts jedoch erheblich ein.

Achtens, lerne immer, anzugreifen, während du dich bewegst! Der Einsatz von Tritten gegen einen Verteidiger, der den ersten Angriff nicht initiiert, ist schwierig. Der Treter kann nicht gleichzeitig treten und laufen und muss daher jedes mal innehalten, wenn er tritt. Ein sich ständig bewegendes Ziel wird die meisten Versuche zu treten im Sande verlaufen lassen. Wenn du dich bewegst während er schlägt oder tritt, wirst du viele sichere Gelegenheiten finden anzugreifen.

Neuntens, der Aikidoka mit sehr wenig Erfahrung, in Verbindung mit unserem Training des aus-der-Linie-Heraustretens, hat auch die Option des Tretens (obwohl nur wenige Ringer diese Möglichkeiten erkunden). Im Judo gibt es die atemiwaza (Tritttechniken). Diese Techniken werden jedoch nicht Kraft gegen Kraft eingesetzt. Sie werden in der Hinterhand behalten und hervorgebracht, wenn ein tretender Angreifer sich zu weit vorgewagt hat und daher vorübergehend aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Meist steht er dann auf nur einem Bein.

Diese Art des Tretens ist eine weiche Art des Tretens oder Schlagens, die sich mit den elementaren Prinzipien des Aikido gut verträgt. Die Betonung liegt auf Genauigkeit und Timing im Gegensatz zu Kraft und wird bloß gegen vorübergehende, tiefgreifende technische Schwächen eingesetzt. Diese sanften Schläge sind meistens dann besonders wirksam, wenn man sie gegen irgendeinen Teil des Fußknöchels, des Knies, des Schienbeins oder des Oberschenkels einsetzt. Das harte Berühren eines dieser Gebiete auf dem Körper des Angreifers kann zu schweren und lang andauernden Beschwerden führen.Normalerweise verbieten die Regeln dem Schlagkünstler einen Schlag unterhalb der Gürtellinie im Training. Sie befassen sich daher selten mit der Verteidigung gegen solche Schläge.

Einige Lehrer sind der Meinung, dass das, was man im Training macht, auch im Wettkampf so angewandt wird.

Es gibt auch andere Waffen, die wir einsetzen können, damit ein Angriff gegen uns gefährlich wird. Aus ethischen Gründen habe ich mich dazu entschlossen, diese Möglichkeiten nicht öffentlich zu nennen. Aber wir sind nicht gänzlich waffenlos für die weite Distanz. Wir haben uns nur dazu entschlossen, sie anders und mit einem anderen Timing zu verwenden als Schlagkünstler. Und wir haben uns dazu entschlossen sie zu nutzen, wenn wir in einer sicheren Zone sind, in Verbindung mit den ausweichenden Bewegungen, die wir in unserem Studium des Aikido untersuchen.

Jeder kann einsehen, dass ein Wettkämpfer einer schlagenden Kampfkunst seine Kunst nur unter oben genannten Bedingungen entwickeln kann. Alle oben genannten Verbote müssen berücksichtigt werden. Ansonsten würde das Training zum Ringerwettkampf oder ähnlichem werden. Leider führt fortdauerndes Training unter dem Schutz eines Regelwerks, das die gefährlichen Zonen der jeweiligen Kunst verbirgt, dazu, dass sich der Ausübende sicher fühlt, was eigentlich gar nicht der Fall ist.

Welche philosophischen Ideen sind daher im Zusammenhang mit anderen Kampfkünsten wichtig?

Die Moral: Sei wahrhaftig zu dir selbst.

Wir dürfen die Kunst eines anderen niemals unterschätzen. Wann immer man eine Schwäche in einer anderen Kunst findet, spürt man auch eine Stärke auf – das ist wirklich überraschend. Einige Leute neigen dazu, eine andere Kunst abzukanzeln ohne sie vollständig untersucht zu haben. Abschätziges Verhalten im Kampf mit einem Gegner verbietet sich von selbst.Alle großen Generäle beginnen immer mit demselben Prinzip: Kenne deinen Gegner.Handle niemals aufgrund einer ungeprüften Theorie.Es gibt viele Techniken, die theoretisch sehr mächtig sind, aber meistens sind diese Theorien - in der Praxis - nutzlos. Jujitsu-Kämpfer sehen schlecht aus gegen Judo-Kämpfer. Dennoch üben Jujitsu-Kämpfer viele sehr gefährliche Techniken, wohingegen Judo-Kämpfer bloß ungefährliche Techniken trainieren. Eine sehr gefährliche Technik muss mit Bedacht trainiert werden. Auf der anderen Seite kann eine ungefährliche Technik blitzschnell werden und sehr viel erfolgreicher sein, mit dem zusätzlichen Vorteil, dass der andere nicht dauerhaft verletzt wird.

Nimm niemals an, dass du einen Kampf gewinnen wirst.Wenn ein Kampf erst einmal angefangen hat, kann immer unvorhergesehenes und heimtückisches passieren. Bedenke immer die Folgen einer Niederlage.Kämpfe nur, wenn du keine andere Wahl hast und warte darauf, dass der andere den Kampf beginnt und zu dir kommt.Ausnahmen von dieser Regel machen sich selbst bemerkbar.Unternimm nie mehr als notwendig ist, die gegenwärtige Situation unter Kontrolle zu bringen.Mehr Ärger anzufangen, wenn der Ärger eigentlich schon vorbei war führt zu einer endlosen Geschichte und ist dazu noch dumm.

Halte immer etwas in der Hinterhand.

Fast alle Kämpfe sind nicht beendet, wenn sie beendet scheinen. Normalerweise braucht es eine Autorität, um eine solche Sache abzuschließen. Wenn du also nicht weglaufen kannst, achte auf eine angemessene Distanz zwischen dir und dem Problem.Eine militärische Regel besagt: Plane deine Schlacht achtsam, schreibe den Plan auf und wenn der erste Schuss fällt, wirf das Papier weg. Dasselbe gilt für einen echten Kampf. Die folgende Geschichte macht das deutlich:

Ein Schüler wurde einmal von einem messerschwingenden Drogenhändler angegriffen. Der Drogenhändler hatte gerade erst einen Kunden ausgenommen. Der Schüler trat aus dem Weg, schnappte sich das Handgelenk und blieb an dem Typen dran, der sich im Folgenden wortwörtlich selbst erstach. Danach meinte der Schüler dazu "Mann, das war überhaupt nicht wie Training. Alles geschah so schnell, dass ich bloß dranbleiben konnte. Ich hatte keine Zeit eine Technik anzuwenden." Natürlich hat er die ganze Zeit Technik angewandt. Deshalb lebt er heute noch.

Mehr ist weniger und weniger ist mehr. Halt's also so einfach wie möglich.Der Schüler hat die Situation unter Kontrolle gebracht und diese auch behalten. Kontrolle ist das, wonach wir streben. Es ist die einzige Sache, die den Irrsinn stoppen kann. Nichts funktioniert jemals.

Für den Aikido-praktizierenden ist es wichtig zu verstehen, welche Einstellung hinter dieser letzten Aussage steckt. Diese Einstellung, der wir ungefragt folgen, besagt, dass wir uns nicht bewusst mit der Technik beschäftigen, die gerade abläuft. Denn wenn diese Technik sauber vorbereitet wurde, dann wird sich der Erfolg von selbst einstellen. Wir beschäftigen uns vielmehr fortwährend mit den Details, die nötig sind, um die nächste sich anbietende Technik vorzubereiten. Wenn eine Technik misslingt, dann verschwenden wir unsere Zeit nicht damit diese verhunzte Technik zu reparieren. Sondern wir gehen weiter in eine angemessenere Position. Wenn etwas fehlschlägt, machen wir weiter. Derjenige, der zögert, ist Frühstück.

Im Aikido ist 'ungefährliche effektive Bewegung' der Name des Spiels - basta. Jede einzelne der oben angesprochenen Ideen hängt von Bewegung ab.

Wie soll man jetzt all diese Ideen zu einem Ganzen verbinden?

Zuerst: Wenn man mit einem Schlagkünstler zu tun hat, muss die Grundregel sein, alle seine Regeln zu brechen. Daher kommt es, dass Meister Tomiki gefordert hat, ein Aikidoka müsse zuerst immer Maai (die harmonische Distanz) behalten, und zwar indem er sich bewegt. Er darf dem Angreifer niemals erlauben, näher zu kommen. Greife nur an, wenn du eine seiner Regeln brichst.

Zweitens hielt es Meister Tomiki für sinnvoll, einen Handballenschlag zum Gesicht einzusetzen, bevor man eine Gelenkmanipulation oder eine Wurftechnik versucht. Außerdem soll so ein Schlag auch zwischendurch eingesetzt werden. Er ist eigentlich mehr dazu gedacht, eine Trennung aufrecht zu erhalten, als wirkungsvoll zu sein.

Viele Aikidoka verwenden einen schneidenden Schlag und nicht einen drückenden Schlag.

Nachdem Meister Tomiki gestorben war und Meister Oba (der vom Kendo kommt) den Handballenschlag ins Gesicht, von Meister Tomiki, zu einem schneidenden Schlag abgeändert hat, fand man durch Tests heraus, dass die Theorie schlecht war und dass dieser Schlag in Situationen wie einem Randori weit weniger effektiv ist als der Schlag ins Gesicht. Man blieb beim Handballenschlag.

Dieser Handballenschlag wird im Boxen 'cuffing' genannt. Im Sport ist es eine unerlaubte Technik, weil der Schlag einen starken Schock in Körper und Kopf des Empfängers bewirkt. Zusätzlich ermöglicht dieser Schlag, dass man sich - als Schlagender - weiterhin bewegen kann. Der schneidende Schlag ist im Gegensatz dazu ein Schlag, der auf Kraft basiert und der am besten aus einer statischen Position heraus geschlagen wird. Man hat festgestellt, dass es viel effektiver ist, sich ständig zu bewegen und oft so zu schlagen.

Meister Karl Geis hat ein System des Aikido entwickelt, das er „Kihara“ nennt. Was sind die Prinzipien dieses Systems?

Die Kihara-Methode ist ein Aikido-System, das auf einer realistischen Selbstverteidigung basiert, die wir in unserer westlichen Gesellschaft brauchen. Sie beruht jedoch immer noch auf den technischen Prinzipien des Aikido.

Was verstehet Meister Geis unter „realistischer Selbstverteidigung“?

Persönlich hat er kein Problem mit der puristischen Art, Aikido zu studieren. Er hat vielmehr das Gefühl, dass diese Aikidoka ein Problem mit seiner Herangehensweise haben. Trotzdem versuchen nur wenige herauszubekommen, was es damit wirklich auf sich hat. Redet man mit einem Puristen bevor und nachdem er in einen echten Kampf verwickelt war, erhält man den Eindruck, als spräche man mit zwei verschiedenen Menschen. Es ist sicherlich nicht falsch, ein Purist zu sein. Es scheint jedoch seltsam, dass jemand ein Purist bleibt, ohne die Nachteile, die mit 'Purismus' verbunden sind, verstehen zu wollen. Meister Ueshiba hat niemals behauptet, dass Aikido eine Methode des Kampfes wäre. Er betrachtete es als einen Lebens-Weg und/oder eine Religion. Diese Betrachtungsweise passt gut zur japanischen Kultur, denn der Großteil der Japaner bildet eine homogene Gesellschaft. Daher gibt es dort einfach keinen Strassenkampf. In unserer Gesellschaft sind die Regeln anders. Unser Zeugs muss eben funktionieren !

Wenn in unserer Gesellschaft echte Selbstverteidigung gegen einen gut trainierten Angreifer vonnöten ist, sind diese Puristen oft geschockt, wenn sie mit echten Kämpfern umgehen müssen oder welche beobachten. Es ist dabei egal, ob es sich bei dem Kämpfer um einen Schlagkünstler oder einen Ringer handelt, der sich an die Wirklichkeit des echten Kampfes angepasst hat.

Ein Beispiel dafür ist das tanto-Randori, das in der JAA (Tomiki-Aikido, A.d.Ü) trainiert wird. Es hat sich so weit entwickelt, dass die beiden Wettkämpfer inzwischen aufeinander zu stürmen. Weil diese Art des Trainings schlechte Ergebnisse gegen einen echten Schläger garantiert, hat man jegliche Form des tanto-shiai abgeschafft. Natürlich kämpfen die Leute in Japan nicht auf der Straße. Daher kann die Vorstellungskraft mit ihnen durchgehen und ein Lehrer kann praktisch alles machen, ohne dass man ihn wiederlegen könnte. Es wurden und werden viele rein theoretische Ideen gelehrt, die in unserer Gesellschaft bestenfalls dazu führen, dass man verletzt wird.

Was sind die Prinzipien um mit einem Angreifer umzugehen?

Die Lektionen, die man lernen muss, um mit einem Angreifer einer beliebigen Disziplin umgehen zu können sind die Folgenden:

Es ist unabdingbar, zu üben, wie man jemanden aus dem Gleichgewicht bringt. Bewegung, maai (harmonische Distanz), Behalten des Gleichgewichts, Balance, Timing, Rhythmus, nichts funktioniert jemals. Daher legen wir niemals mehr Energie in eine Technik, als die Bewegung hergibt und uns weiterhin Bewegung vor, nach und während der Ausführung einer Technik ermöglicht. Man hat festgestellt, dass es besser ist dem Gegner zu ermöglichen, dass er sich selbst wirft, in einen Gelenkhebel bringt und sich schließlich selbst besiegt, als eine Technik durch Schmerz zur Wirkung zu bringen. Behalte die Anwendung von Schmerz jedoch immer in der Hinterhand, um damit eine verhunzte Technik auszugleichen, bei der der Aspekt gestörten Gleichgewichts nicht ausgereicht hat. Versuche, mit Gleichgewicht und dem richtigen Zeitpunkt zu arbeiten. Wenn der Gegner Schmerz spürt, könnte es an einer nicht korrekt ausgeführten Technik liegen.

Es braucht Zeit und Hingabe, diesen Prinzipien und Ideen folgen zu können und eine instinktive Antwort auf einen Angriff zu entwickeln. Normalerweise weniger Zeit als wir erwarten und mehr als wir gerne hätten.

Aikidoka, die vernünftig trainiert haben, sollten die Geschwindigkeit eines Schlagkünstlers (Taekwondo, Karate, Kung Fu, usw.) respektieren, aber nicht fürchten. Falls sich zum Beispiel ein Schläger nicht bewegt und ein Aikidoka sich in Maai - das heißt, an der Grenze der Bewegungsreichweite des Schlägers - befindet, kann den Aikidoka kein Schlag oder Tritt erreichen, solange sich der Schläger nicht bewegt. Der Schläger muss daher zuerst diesen Abstand verringern, bevor er zuschlagen kann. Ein wirklich schneller erster Schritt beschleunigt das Gravitationszentrum auf Schrittgeschwindigkeit. Da die meisten Kämpfe konzentrisch ablaufen, hat ein Teilnehmer selten die Möglichkeit, mehr als einen Schritt in einer geraden Linie zu machen.

Daher werden in den meisten physischen Kämpfen meistens bloß Ein-Schritt-Angriffe verwendet. Der Aikidoka muss sich also nur in Schrittgeschwindigkeit bewegen um das Maai konstant und sich ausserhalb der Gefahrenzone zu halten. Außerdem zielt ein effektiver Schlag oder Tritt nur ungefähr 15 bis 20cm hinter die Aufschlagstelle des Schlags/Tritts. Wenn man diese 20cm als Anhaltspunkt nimmt - und das ist eher großzügig geschätzt - dann muss sich der Aikidoka nur diese 20cm weit bewegen, während der Angreifer knapp einen Meter zurückzulegen hat, um einen Schlag auszuführen. Der Aikidoka braucht sich also bloß viermal so langsam zu bewegen wie der Angreifer. Normalerweise wird der Aikidoka sich jedoch nicht so langsam bewegen. Da er sich schneller bewegen kann, wird der Aikidoka seinen Angriffspunkt lange vor dem Schläger erreichen. Der Schläger hat dann mit einer Geschwindigkeit von 150km/h an einen Punkt geschlagen oder getreten, an dem schon lange niemand mehr steht.

Keiner Zuhause. Es dauert eine Weile bis der Angreifer sich von einem solchen Schlag ins Leere erholt. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Für eine Person, die weis, wo die Lücke im Angriff ist, und die bereit ist und wartet, ist das Problem ein slam dunk - einfach in der Ausführung und verheerend in der Wirkung.

In diesem System verwendet man einfache, aber effektive Handballenschläge. Es sind gewöhnlich Schläge mit geradem Arm, die sehr gut platziert werden. Dabei wird nur die Geschwindigkeit des Gravitationszentrums verwendet, also Schrittgeschwindigkeit. Diese Schläge können ohne Gefahr im Training angewandt werden, weil man Zeit hat zu fallen und so den Schlag abfangen kann.

Auf den ersten Blick sehen unsere Schläge ziemlich harmlos aus. Wenn man sich aber vorstellt, dass es keinen Unterschied macht, ob man in einen geraden Arm hineinläuft oder im Dunkeln in eine Türkante, dann sieht die Sache ganz anders aus. Diese gut platzierten Schläge - für gewöhnlich gegen Brust oder Kinn - bringen uns auch in die Reichweite der Augen, sollte es nötig werden. Ein solcher Schlag mit geradem Arm sorgt auch dafür, dass der Angreifer auf Armlänge ist. Eine Distanz, in der ein normaler Schlag kaum mehr etwas bewirkt. Für gewöhnlich sorgen solche Handballenschläge dafür, dass der Angreifer mit einem Block reagiert oder versucht zu ringen. Dieser Block oder der Versuch zu Ringen eröffnet einem Aikidoka, der sich verteidigt, eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Gelenkkontrollen oder Würfe anzubringen.

Schliesslich erklärt man seinen Schülern, dass man niemals weiss, wann man mal kein Glück mehr haben wird. Also sollen sie so schnell wie möglich vor jedem Kampf davon laufen. Und erläutert das mit einer Geschichte. Ein Meister fing damit an einer Gruppe von Schülern Verteidigungen gegen Messerangriffe beizubringen. Sie kamen Woche für Woche und die Stunden wurden immer besser. Eines Tages fragte einer der Schüler den Meister - in seiner Überheblichkeit: "Wie gut würde ich mich gegen einen Angreifer mit einem echten Messer machen?" Der Meister antwortete: „du bist begabt. Du würdest 99 von 100 Mal gewinnen. Aber, du wirst nie wissen, wann dieses 100ste Mal kommt. Es könnte gleich das erste Mal sein. Lauf also vor jedem Kampf davon, wenn du kannst."

Es kann immer Dinge geben, die einen Sieg verhindern. Sie sind immer da und warten geduldig auf ihre Chance. Wir können niemals alle Umstände vorhersehen, die unsere Leistung beeinflussen könnten. Karma kann hinterhältig sein. Fordere diesen Drachen nicht heraus.

Daher stammt die letzte Regel aus den Erfahrungen der Segler. Wenn man ein Segel refft macht man es kleiner. Das tut man bei schlechtem Wetter, um die Kräfte des Sturms auf das Schiff zu verringern. Die Regel ist also: Wenn du das erste Mal ans Reffen denkst, dann reffe. Beim zweiten Mal wirst du keine Zeit mehr haben. Anders ausgedrückt, wenn du zum ersten Mal daran denkst, dich vom Acker zu machen, dann tu's. Denn beim zweiten Mal wirst du keine Gelegenheit mehr dazu haben.

Wir haben festgestellt, dass das Training nach den oben angeführten Ideen das Selbstvertrauen nährt und wachsen läßt. Dieses Selbstvertrauen ist wichtig in unserer turbulenten Gesellschaft. Wir haben gelernt das, was wir fürchten, für uns zu nutzen und zu studieren. Durch dieses Studium haben wir herausgefunden, dass unsere Ängste normalerweise in Wirklichkeit unsere Illusionen und/oder die Illusionen anderer sind. Wenn wir einmal das Wissen erworben haben, diese Illusionen zu erkennen und mit ihnen umzugehen, dann haben wir auch das Wissen, uns die Technik zum Umgang mit dieser Furcht klarzumachen und zu verstehen. Lerne deine Lektionen gründlich und mit der Zeit wirst du deinen Weg finden.

Zum Abschluss sei noch gesagt, dass die meisten Kampfkünstler die gleichen Ideen erforschen, nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Und schließlich gelangen sie meistens zu den selben Einsichten, nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Ich erwarte nicht, dass jeder dieser Theorie zustimmt. Ich hoffe inständig, dass einige Samen des Nachdenkens in den Geist der neugierig und ethisch Übenden gesät wurden. Samen, die helfen, dass sie in ihrem Denken einen Sprung vorwärts machen und sie ihre Ergebnisse verbessern mögen.

Nach Meister Karl Geis, 10. DAN Aikido